Sport

Inklusion

Herausforderung im Rollstuhl mit Schläger und Ball


Vorbild und Vorreiter in Vellmar: Erstes Tennis-Team in Deutschland, das mit Rollstuhl-Spielern in der Mannschafts-Meisterschaft antritt, mit der Urkunde. Foto: Jochen Kleinfeld

„Es darf keine Hürden geben“

Rollstuhl-Tennis in Obervellmar mit Zukunftspreis ausgezeichnet

Es war eine besondere Auszeichnung für den Verein Academy Reha- und Gesundheitssport Obervellmar (Argo): Der Landessportbund Hessen und Lotto Hessen hatten Ende 2018 den Klub mit dem „Oddset Zukunftspreis geehrt. Für das Projekt „Auf Rollen in die Zukunft“, das gehbehinderten Menschen barrierefreies Rollstuhl-Tennis ermöglicht, erhielt der Verein ein Preisgeld von 2.000 Euro, wie die „Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA)“ berichtete. Rolf Heggen, Leiter des Referats Inklusion beim Hessischen Tennis-Verband, hatte Argo Obervellmar für den Zukunftspreis vorgeschlagen.

„Wir waren völlig überrascht, dass wir den Preis gewonnen haben. Schließlich gab es siebzig hochkarätige Bewerber und wir sind ja noch ein sehr junger Verein“, sagt der Argo-Vorsitzende Manfred Dockhorn. Neun hessische Vereine in den unterschiedlichsten Sportarten erhielten den Anerkennungspreis. Zudem gab es fünf weitere Preise. „Mit seinem Projekt beweist auch Argo Obervellmar, dass Vereine kein Auslauf-, sondern ein Zukunftsmodell sind“, schrieb Dr. Rolf Müller, Vorsitzender des Landessportbunds Hessen in einer Pressemitteilung.

„Unser Ziel ist, das Thema ,Tennis für alle’ in die Öffentlichkeit zu tragen, und auch andere Vereine zu entsprechenden Angeboten zu ermutigen“, betonen Dockhorn und Heggen. „Jeder, der Tennis spielen will, soll es auch machen können. Egal, ob er sitzt, steht oder läuft. Es darf keine Hürden geben.“

Manfred Dockhorn, Inhaber einer Tennishalle in Vellmar stieß, vor drei Jahren auf das Thema, als jemand aus seiner Familie zeitweise im Rollstuhl saß. Dockhorn stellte fest, dass es in Nordhessen quasi keine Infrastruktur für Rollstuhltennis gab. Das sollte sich ändern. Er gründete den Verein Argo, bildete sich in den Bereichen Reha- und Präventionssport weiter, schuf einen barrierefreien Zugang zu den Tennisplätzen in seiner Halle und behindertengerechte Toiletten. Nach einem Aktionstag trainierten auf einmal bis zu zwanzig Rollstuhl-Tennisspieler in Vellmar – darunter waren auch Menschen ohne Gehbehinderung.

In der vorigen Saison sorgte der Verein Argo für eine Sport-Premiere in Deutschland, über die auch in „Topspin“ und im überregionalen „Tennis-Magazin“ (Titel der Reportage: „Auf Rollen in die Zukunft“) ausführlich berichtet wurde. Die Herren 30 gingen in der Bezirksliga der HTV-Mannschaftsspiele an den Start – als erste Inklusionsmannschaft vielleicht sogar weltweit – die in der Meisterschaftsrunde mit sechs Spielern ohne Handicap und zwei Rollstuhlfahrern antrat. Die notwendige Voraussetzung dafür hatte zuvor der Hessische Tennis-Verband geschaffen, der – ebenfalls als Vorreiter im deutschen Tennis – die Teilnahme von Rollstuhlspielern in Mannschaftsspielen ohne jedes Wenn und Aber in der Wettspielordnung festschrieb. Seit 2018 dürfen in Hessen Akteure mit und ohne Rollstuhl gleichberechtigt spielen.

„Die neue Spielordnung bietet ein riesiges Potenzial, nicht nur für das Thema Inklusion zu sensibilisieren, sondern Inklusion auch in der Praxis umzusetzen“, sagt Dockhorn. Nach der Premieren-Saison fiel das Fazit uneingeschränkt positiv aus. „Unsere Gegner waren geradezu begeistert. Es gab nicht eine negative Reaktion“, sagt Dockhorn, der das Team trainiert. „Nach den Spielen haben sich die Gegner in die Rollstühle gesetzt und dann gesehen, wie schwierig es ist, darin Tennis zu spielen.“

Das Inklusions-Team bewies in der Saison, dass es durchaus mithalten kann. So gewannen die Vellmarer sogar eine Partie. Die Rollstuhlspieler wurden regelmäßig in den beiden Doppeln eingesetzt.

In dieser Saison wird es eine Fortsetzung geben, der Verein hat sein Herren-30-Team erneut gemeldet. Dockhorn will seinen Verein Argo als eine Basis für das Rollstuhl-Tennis in Nordhessen aufbauen und wird dabei auch vom HTV-Referat Inklusion unterstützt. Anderen Vereinen und Trainern sollen Schulungen und Vorträge zum Thema Inklusion im Tennis angeboten werden.

„Ehrenamtliche spielen für die Zukunft des Sports eine ganz entscheidende Rolle: Sie tragen dazu bei, Sportvereine in soziale Tankstellen zu verwandeln, mit deren Sprit die Motoren der Gesellschaft am Laufen gehalten werden. Auch dieses Engagement wollen wir mit dem ODDSET Zukunftspreis belohnen“, sagt Dr. Rolf Müller. Die siebzig hochkarätigen Bewerbungen für den ODDSET Zukunftspreis haben es uns nicht leicht gemacht, denn sie alle widmen sich auf hervorragende Art und Weise der Lösung wichtiger gesellschaftlicher Fragestellungen.“

Der ODDSET Zukunftspreis des hessischen Sports wird seit 2005 jährlich ausgeschrieben. Prämiert werden richtungsweisende Projekte und Maßnahmen im Vereinssport, beispielsweise integrative und inklusive Angebote für ältere Menschen, Menschen mit Behinderung oder Flüchtlinge. Mit einem Preisgeld in Höhe von insgesamt 50.000 Euro zählt er zu den höchstdotierten Sportpreisen Deutschlands. Die Auswahl der Preisträger nimmt eine Jury unter Vorsitz des Bundesministers a. D. Prof. Dr. Heinz Riesenhuber vor. Das Preisgeld stiftet LOTTO Hessen.

 


Premiere der besonderen Art: Das inklusive Tennis-Team von Argo Obervellmar mit den Spielern des TC Herleshausen: Foto Jochen Kleinfeld

Für mehr Lebensfreude auf den Tennisplätzen

Erstes inklusives Tennis-Team mit Rollstuhlfahrern in Punktspielen / Erster Sieg am dritten Spieltag

Tennis ist schon lange nicht mehr besonders exklusiv, seit kurzem aber vorbildlich inklusiv. Denn in Paragraph 1 der Wettspielordnung 2018 des Hessischen Tennis-Verbands (HTV) finden sich erstmals zwei Sätze, die nach der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 eigentlich selbstverständlich sein sollten, aber bislang wohl weit über die hessischen Grenzen einmalig sind: „Tennisspielerinnen und –spieler mit Behinderung können gleichberechtigt an allen Mannschaftswettbewerben teilnehmen. Bei Rollstuhlaktiven darf der Ball vor dem Rückschlag zweimal aufspringen.“

In einem Verband, der bis vor drei Jahren nicht einmal die Position eines „Referenten für Behindertensport“ besetzen konnte, ist die neue lapidare Formulierung in der 26 Seiten umfassenden Wettspielordnung besonders bemerkenswert. Denn es eröffnet zum Beispiel Tennnisspielern, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, ohne jede Einschränkung die Chance, wie jeder unbehinderte Spieler an den offiziellen Mannschaftsspielen teilzunehmen. „Ohne wenn und aber, ohne jede Diskussion“, so hatte es der HTV-Referent für Inklusion bei den zuständigen Gremien eingefordert, sollten endlich im Regelwerk die Voraussetzungen für gelebte Inklusion, also die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Gleichbehandlung aller Menschen in allen Lebensbereichen, geschaffen werden.

 
Vellmar als Vorreiter in Deutschland und darüber hinaus

Der erste Verein, der die Öffnung der HTV-Wettspielordnung in der gerade begonnenen Meisterschaftssaison mit Leben erfüllt, spielt unter dem Namen Argo in der Bezirksliga des Tennisbezirks Nordhessen. Argo steht für „Academy, Reha- und Gesundheitssport Obervellmar“. Tennistrainer Manfred Dockhorn kümmert sich in seiner Zweifeldhalle in der rund 20.000 Einwohner zählenden Kleinstadt bei Kassel schon seit Jahren um behinderte Sportler. „Nun aber“, betont der Trainer, „hat Rollstuhltennis eine ganz neue Bedeutung bekommen. Wir können als Mannschaft in der Meisterschaftsrunde zeigen, dass Inklusion nicht nur eine Absichtserklärung ist, sondern eine wunderbare gesellschaftliche Haltung.“

Zwei Rollstuhlspieler haben nun in ihren festen Platz im Herren-30-Team, das zum ersten offiziellen Punktspiel bei der Mannschaftsspielgemeinschaft Meinhard/Niederhone antrat. Die Gastgeber waren zuvor informiert worden, dass erstmals in den beiden Doppeln jeweils ein Rollstuhlspieler mit von der Partie sein würde. Es gab auf der kleinen Anlage bei Eschwege im Werra-Meißner-Kreis keinerlei Bedenken, keine Vorbehalte, auch keine Ängste, dass die Sandplätze von den Rollen der Stühle über Gebühr beschädigt werden könnten. Dass die beiden inklusiven Doppel dann insgesamt sogar drei Spiele beim 1:6, 0:6 sowie 1:6, 1:6 gewinnen konnte, wurde von allen Beteiligten wie ein Sieg gefeiert. Und gemeinsam kümmerte man sich darum, dass die Spuren der Rollen im feucht-weichen Sand wieder beseitigt wurden. „Die Spuren dieses Erlebnisses in unseren Köpfen aber bleiben,“ hieß es bei den Gastgebern.

Einen interessanten Bericht aus dem Tennis Magazin zu diesem Thema finden Sie hier:


Wenn Gegner zu Partnern  werden

Auch beim ersten Heimspiel des Inklusions-Teams gegen die Mannschaft des TC Herleshausen gelangen drei Spielpunkte, worüber man sich auf beiden Seiten wieder gemeinsam besonders freute. Auch die Spieler aus Herleshausen sahen sich in den beiden Doppeln nicht als Gegner, sondern als Partner. Sie gaben sich alle Mühe, den 38 Jahre alten Rollstuhlspieler Sascha Haase an der Seite von Manfred Dockhorn sowie den 63 Jahre alten Rollstuhlspieler Friedhelm Meyer an der Seite von Norbert Dockhorn ins Spiel einzubeziehen. So viel Spiel- und Lebensfreude, so viel Spaß und Lachen erlebt man selten im Team-Tennis.

Nach dem Spiel war dann vor dem Spiel mit vertauschten Rollen. Nun setzten sich zwei Spieler aus Herleshausen in die Rollstühle und zeigten im neu „gemischten“ Doppel mit zwei Spielern aus Obervellmar großen sportlichen Einsatz und noch mehr Begeisterung. „So viel Freude und Lachen auf dem Platz haben wir noch nie gehabt,“ meinten die Gastspieler, „und wenn wir mal, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr über den Tennisplatz laufen können, dann ist Rollstuhltennis sicher eine wunderbare Möglichkeit, auch weiter im Team aktiv sein zu können.“

 
„Ein wunderbar neues Gefühl“

Gerade diese Möglichkeit, in der Mannschaft mit unbehinderten Teamkameraden gemeinsam antreten zu können, ist für Friedhelm Meyer, der in der Behindertensportgemeinschaft Kassel auch Rollstuhl-Basketball und –Volleyball spielt, „etwas ganz besonderes“. Diese Inklusion im Tennis sei für ihn nun ein wunderbar neues Gefühl. „Spiel verloren, Lebensfreude gewonnen“, so Meyer. Oder, wie es eine Zuschauerin in Obervellmar auf eine Kurzformel brachte: „Mehr davon.“

 
Erster Sieg eines inklusiven Doppels mit Rollstuhlspieler

Früher als es alle erwartet hatten, gelang dann am dritten Spieltag der Team-Tennis-Runde des HTV einem inklusiven Doppel des Vellmarer Teams ein Sieg. Friedhelm Meyer und Norbert Dockhorn gewannen das zweite Doppel gegen den TC Niestetal mit 6:2, 6:4 und sicherten so ihrer Mannschaft den 4:2-Erfolg. Für Niestetal war es die erste Saison-Niederlage, für Argo Obervellmar der erste Saison-Sieg. Team-Erfolge sind immer sehr schön, diesmal aber für die Vellmarer ganz besonders.

Rolf Heggen

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