Sport Aktuell

Marburg Open 2019

Louis Weßels holt seinen ersten Titel

Mit einer knallharten Vorhand beendete Louis Weßels das phasenweise hochklassige Finale und ist damit der Gewinner der Marburg Open 2019. „Wenn ich gegen einen gerne verloren hätte, wäre er es gewesen“, zollte Turniersieger Louis Weßels seinem unterlegenen Endspielgegner Jesper De Jong ein Kompliment und war sich sicher: „Er wird noch mehrere Turniere dieser Art gewinnen.“

Für den 19-jährigen Niederländer war es das erste Finale bei einem ITF-Turnier. Und es sah zwischenzeitlich so aus, als könne er es sogar für sich entscheiden. Stattdessen war es Weßels, der beim 7:6 (7:4), 7:6 (7:5) in den entscheidenden Phasen einen Gang höher zu schalten vermochte. „Ich habe aggressiv gespielt am Ende und das Heft mehr in die Hand genommen“, analysierte der 20-jährige Bielefelder treffend. Wichtig war es für ihn, im zweiten Satz dran zu bleiben. Früh schaffte De Jong ein Break zum 1:0. Später hatte er zwei Chancen, dem Deutschen erneut den Aufschlag abzunehmen und vorentscheidend auf 4:1 zu erhöhen. Diesen Gelegenheiten trauerte der junge Niederländer, der als Ziel den Sprung unter die Top 100 der Welt angibt, nach, räumte aber auch ein: „Louis hat in dieser Phase großartiges Tennis gespielt. Ab dem 4:2 hat er keine einzige Vorhand verschlagen.“Weßels machte Druck, blieb dabei aber geduldig. Zum 4:4 nahm er dem Niederländer das Service ab. Beim Stand von 6:5 hatte der Topgesetzte zwei Matchbälle, doch De Jong wehrte diese beherzt ab und rettete sich in den Tiebreak. Dort leistete sich das Talent aber zu viele leichte Fehler – wie schon im Tiebreak des ersten Satzes. Beim 6:2 im zweiten Tiebreak hatte Weßels seine Matchbälle drei, vier, fünf und sechs. „Da habe ich noch einen kleinen Zittrigen bekommen“, gab der 20-Jährige zu, der mit einem Außenbandriss im rechten Knöchel spielte. Doch die Vorhand beim sechsten Matchball nach 2:04 Stunden Spielzeit saß.

Damit beendete er sein Final-Trauma. Denn sechs Endspiele auf ITF-Turnieren der Preisgeldkategorie 15 000 Dollar hatte der Bielefelder verloren. In Marburg klappte es. „Das gibt Selbst-vertrauen, das ich mitnehmen kann in die größeren Turniere.“Die Vorhand-Peitsche ist die große Stärke des Zwei-Meter-Mannes, der derzeit zwar keinen eigenen Trainer hat, am Bundesstützpunkt in München aber unter Davis-Cup-Teamchef Michael Kohlmann trainiert. Über einen starken Auf-schlag dominiert Weßels dann die Ballwechsel und setzt seine Gegner unter Druck – im Ideal-fall zumindest. Doch der Aufschlag ließ Weßels so manches Mal im Stich. „Da habe ich ein bisschen gewackelt. Komisch, das war die ganze Turnierwoche über nicht so“, rätselte der 20-Jährige über seine zehn Doppelfehler. Aber der Wackel-Aufschlag allein war nicht der Grund, warum Weßels um jeden Punkt hart kämpfen musste. „Er bringt alles zurück“, sagte er über sei-nen Gegner. „Er kontert dich so gut aus, läuft dich tot und schwindelig.“ Er habe deshalb das Tempo teilweise bewusst rausgenommen. Über diese Taktik zeigte sich De Jong überrascht. „Ich hatte einen anderen Louis erwartet. Einen, der schneller und härter schlägt. Aber er hat mich spielen lassen.“ Dass der Niederländer spielen kann, zeigte er ein-drucksvoll.  So mancher gefühlvolle Stopp rief bei den 350 Zu-schauern ein Raunen hervor. Aber auch harte Schläge und Volleys gehören zu seinem Repertoire. Die Konstanz über zwei Sätze fehlte indes noch, so-dass Louis Weßels den Siegerpokal und das Preisgeld von knapp 2 000 Euro mit nach Hause nehmen durfte.

Dass Jesper De Jong gestern gegen Weßels antreten durfte, hatte sich der Niederländer im Halbfinale gegen seinen Lands-mann Ryan Nijboer verdient. Die Nummer zwei der Setzliste verletzte sich allerdings im Match und musste medizinisch behandelt werden. Nijboer hielt tapfer durch, wenngleich er beim 3:6, 3:6 chancenlos war. Echazú sorgte dagegen für Verstimmung. Der Peruaner kam erst nach dem Doppel-Finale auf die Anlage, was für Irritationen bei Turnierdirektor Peter Zimmermann und Supervisor Ion Coman sorgte.  Echazú spielte lieber in der Hessenliga für Bergen-Enkheim (und verlor sein Match) und schaffte es nicht rechtzeitig zu seinem Halbfinale nach Marburg.

Doppelsieger:

Vasile ANTONESCU (ROU)  /  Patrick GRIGORIU (ROU gegen James Frawley (AUS)/Mats Rosenkranz (GER)

Titelbild © Oberhessische Presse

---

Inklusion bei den Marburg Open 2019 - "Tennis soll normal werden für jedermann."

In der vergangenen Saison gewann Friedhelm Mey-er mit seinem Team ein Spiel der Tennis-Meisterschaft und da-bei auch sein Match im Doppel. Das ist nicht selbstverständlich. Denn der 64-Jährige aus Baunatal sitzt seit den 1990er-Jahren im Rollstuhl. Und doch tritt er mit einem Team des Vereins Argo Obervellmar in der Bezirksliga A Männer 30 in Nordhessen an. „Das erste Mal war es noch ein bisschen komisch“, sagt Meyer. „Es ist anders, als wenn man unter sich spielt.“Der Hessische Tennis-Verband lebt Inklusion vor, indem Behinderte und Nichtbehinderte in den gleichen Ligen und Mannschaften gegeneinander antreten dürfen. „Da wird keine Rücksicht genommen“, hat Friedhelm Meyer festgestellt. Er schiebt hinterher: „Aber das wollen wir ja auch so.“Seit gut drei Jahren gibt es den Verein Argo, was für „Academy Reha- und Gesundheitssport Obervellmar“ steht. Der Vorsitzende, Manfred Dockhorn, hat sich vorgenommen, sein Anliegen bekannter zu machen. „Wir wollen, dass Inklusion normal wird“, fasst er das übergeordnete Ziel zusammen. „Tennis soll normal werden für jedermann.“

Bei den Marburg Open gaben er und Meyer sowie der zweite Rollstuhltennisspieler des Vereins, Sascha Haase, ein paar Kostproben. Vor dem zweiten Doppel-Halbfinale schlugen sie ein paar Bälle. Im Mixed bestehend aus einem Rollstuhlfahrer und einem „Fußgänger“, wie sie die nichtbehinderten Spieler bezeichnen. Mit diesen gemischten Doppeln tritt Argo Obervellmar auch regelmäßig im Liga-betrieb an – gegen Mannschaften, die ausschließlich aus „Fußgängern“ bestehen.

Für die Rollstuhlfahrer gelten dabei die gleichen Regeln. Einzige Ausnahme: Werden sie angespielt, darf der Ball zweimal aufticken. Sportrehabilitations-Trainer Dockhorn war früher ein guter Tennisspieler, Anfang der 1990er-Jahre die Nummer 169 der deutschen Rangliste. Deshalb lag es nahe, dass bei der Argo auch Tennis angeboten wird.


Ein Glücksfall für Friedhelm Meyer, der vor drei Jahren beim Schnuppertraining das erste Mal einen Tennisschläger in der Hand hatte und so viel Spaß hatte, dass er dabei geblieben ist.
Diese hochinteressante Demonstration kam zustande durch die Vermittlung des hessischen Referenten für Rollstuhltennis und Behindertensport, Rolf Heggen, dem an dieser Stelle noch einmal gedankt sei.

25.07.2019

PTS Xavin tennis-nohe Bidi Badu Patricio Travel