Sport

Inklusion

Herausforderung im Rollstuhl mit Schläger und Ball


Premiere der besonderen Art: Das inklusive Tennis-Team von Argo Obervellmar mit den Spielern des TC Herleshausen: Foto Jochen Kleinfeld

Für mehr Lebensfreude auf den Tennisplätzen

Erstes inklusives Tennis-Team mit Rollstuhlfahrern in Punktspielen / Erster Sieg am dritten Spieltag

Tennis ist schon lange nicht mehr besonders exklusiv, seit kurzem aber vorbildlich inklusiv. Denn in Paragraph 1 der Wettspielordnung 2018 des Hessischen Tennis-Verbands (HTV) finden sich erstmals zwei Sätze, die nach der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 eigentlich selbstverständlich sein sollten, aber bislang wohl weit über die hessischen Grenzen einmalig sind: „Tennisspielerinnen und –spieler mit Behinderung können gleichberechtigt an allen Mannschaftswettbewerben teilnehmen. Bei Rollstuhlaktiven darf der Ball vor dem Rückschlag zweimal aufspringen.“

In einem Verband, der bis vor drei Jahren nicht einmal die Position eines „Referenten für Behindertensport“ besetzen konnte, ist die neue lapidare Formulierung in der 26 Seiten umfassenden Wettspielordnung besonders bemerkenswert. Denn es eröffnet zum Beispiel Tennnisspielern, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, ohne jede Einschränkung die Chance, wie jeder unbehinderte Spieler an den offiziellen Mannschaftsspielen teilzunehmen. „Ohne wenn und aber, ohne jede Diskussion“, so hatte es der HTV-Referent für Inklusion bei den zuständigen Gremien eingefordert, sollten endlich im Regelwerk die Voraussetzungen für gelebte Inklusion, also die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Gleichbehandlung aller Menschen in allen Lebensbereichen, geschaffen werden.

 
Vellmar als Vorreiter in Deutschland und darüber hinaus

Der erste Verein, der die Öffnung der HTV-Wettspielordnung in der gerade begonnenen Meisterschaftssaison mit Leben erfüllt, spielt unter dem Namen Argo in der Bezirksliga des Tennisbezirks Nordhessen. Argo steht für „Academy, Reha- und Gesundheitssport Obervellmar“. Tennistrainer Manfred Dockhorn kümmert sich in seiner Zweifeldhalle in der rund 20.000 Einwohner zählenden Kleinstadt bei Kassel schon seit Jahren um behinderte Sportler. „Nun aber“, betont der Trainer, „hat Rollstuhltennis eine ganz neue Bedeutung bekommen. Wir können als Mannschaft in der Meisterschaftsrunde zeigen, dass Inklusion nicht nur eine Absichtserklärung ist, sondern eine wunderbare gesellschaftliche Haltung.“

Zwei Rollstuhlspieler haben nun in ihren festen Platz im Herren-30-Team, das zum ersten offiziellen Punktspiel bei der Mannschaftsspielgemeinschaft Meinhard/Niederhone antrat. Die Gastgeber waren zuvor informiert worden, dass erstmals in den beiden Doppeln jeweils ein Rollstuhlspieler mit von der Partie sein würde. Es gab auf der kleinen Anlage bei Eschwege im Werra-Meißner-Kreis keinerlei Bedenken, keine Vorbehalte, auch keine Ängste, dass die Sandplätze von den Rollen der Stühle über Gebühr beschädigt werden könnten. Dass die beiden inklusiven Doppel dann insgesamt sogar drei Spiele beim 1:6, 0:6 sowie 1:6, 1:6 gewinnen konnte, wurde von allen Beteiligten wie ein Sieg gefeiert. Und gemeinsam kümmerte man sich darum, dass die Spuren der Rollen im feucht-weichen Sand wieder beseitigt wurden. „Die Spuren dieses Erlebnisses in unseren Köpfen aber bleiben,“ hieß es bei den Gastgebern.


Wenn Gegner zu Partnern  werden

Auch beim ersten Heimspiel des Inklusions-Teams gegen die Mannschaft des TC Herleshausen gelangen drei Spielpunkte, worüber man sich auf beiden Seiten wieder gemeinsam besonders freute. Auch die Spieler aus Herleshausen sahen sich in den beiden Doppeln nicht als Gegner, sondern als Partner. Sie gaben sich alle Mühe, den 38 Jahre alten Rollstuhlspieler Sascha Haase an der Seite von Manfred Dockhorn sowie den 63 Jahre alten Rollstuhlspieler Friedhelm Meyer an der Seite von Norbert Dockhorn ins Spiel einzubeziehen. So viel Spiel- und Lebensfreude, so viel Spaß und Lachen erlebt man selten im Team-Tennis.

Nach dem Spiel war dann vor dem Spiel mit vertauschten Rollen. Nun setzten sich zwei Spieler aus Herleshausen in die Rollstühle und zeigten im neu „gemischten“ Doppel mit zwei Spielern aus Obervellmar großen sportlichen Einsatz und noch mehr Begeisterung. „So viel Freude und Lachen auf dem Platz haben wir noch nie gehabt,“ meinten die Gastspieler, „und wenn wir mal, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr über den Tennisplatz laufen können, dann ist Rollstuhltennis sicher eine wunderbare Möglichkeit, auch weiter im Team aktiv sein zu können.“

 
„Ein wunderbar neues Gefühl“

Gerade diese Möglichkeit, in der Mannschaft mit unbehinderten Teamkameraden gemeinsam antreten zu können, ist für Friedhelm Meyer, der in der Behindertensportgemeinschaft Kassel auch Rollstuhl-Basketball und –Volleyball spielt, „etwas ganz besonderes“. Diese Inklusion im Tennis sei für ihn nun ein wunderbar neues Gefühl. „Spiel verloren, Lebensfreude gewonnen“, so Meyer. Oder, wie es eine Zuschauerin in Obervellmar auf eine Kurzformel brachte: „Mehr davon.“

 
Erster Sieg eines inklusiven Doppels mit Rollstuhlspieler

Früher als es alle erwartet hatten, gelang dann am dritten Spieltag der Team-Tennis-Runde des HTV einem inklusiven Doppel des Vellmarer Teams ein Sieg. Friedhelm Meyer und Norbert Dockhorn gewannen das zweite Doppel gegen den TC Niestetal mit 6:2, 6:4 und sicherten so ihrer Mannschaft den 4:2-Erfolg. Für Niestetal war es die erste Saison-Niederlage, für Argo Obervellmar der erste Saison-Sieg. Team-Erfolge sind immer sehr schön, diesmal aber für die Vellmarer ganz besonders.

Rolf Heggen

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